Nischenwessis?

Bruce Chatwins letzter Roman trägt den merkwürdigen Titel „Utz“. Gemeint ist Kaspar Baron Utz, ein böhmischer Aristokrat, der im realsozialistischen Prag ein Schattendasein führt. Der letzte Rest seines einst beträchtlichen Vermögens besteht in seiner kostbaren Sammlung von Meißener Porzellan, die er nur deshalb behalten durfte, weil er versprochen hat, sie dem staatlichen Museum zu vermachen.

Chatwins Ich-Erzähler beschreibt nicht nur Utz‘ Welt, sondern auch die seiner Freunde, sämtlich hoch gebildete und leicht exzentrische Herren, die sich dem Zugriff des Staates dadurch entziehen, dass sie ihren Lebensunterhalt mit äußerst profanen Tätigkeiten verdienen. Nebenbei beschäftigen sie sich mit Philosophie, Naturwissenschaften, Literatur und anderen schönen Dingen.

Utz & Co. zeigen ihre Ablehnung des Systems, indem sie sich weigern, im Gegenzug für Privilegien und Status am „Aufbau des Sozialismus“ mitzuwirken. Sie stellen sich sozusagen dumm, weil sie zu klug sind, den staatlich veranstalteten Mummenschanz nicht als solchen zu erkennen, und obwohl ihre intellektuellen Fähigkeiten sie eigentlich für gehobene Positionen prädestinierten. Doch den Preis, ein Offenbarungseid auf den Staat und der unbedingte Gehorsam seinen Repräsentanten gegenüber, sind sie nicht bereit zu zahlen.

Es gab nicht wenige ihrer Art, nicht nur in der ČSSR, sondern auch in anderen Ostblockstaaten. In der DDR nannte man sie „Nischenossis“. Die Frage, die ich mir bei und nach der Lektüre gestellt habe, war: Kann es auch „Nischenwessis“ geben? Gibt es sie vielleicht schon tausendfach? Welchen profanen Tätigkeiten könnten sie nachgehen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten? Die meisten Jobs dieser Art sind Studenten und Einwanderern vorbehalten, bieten nicht viel Freizeit und der bescheidene Verdienst reicht vielleicht nicht einmal aus, um die anfallenden Rechnungen zu bezahlen.

Wenn es den Nischenwessi denn gibt, wogegen richtet sich sein stiller Protest? Wohl nicht gegen einen allzu vereinnahmenden Staat, sondern im Gegenteil gegen einen gegenüber den zunehmend entfesselten Kräften des globalisierten Kapitalismus machtlosen Popanz von Staat, der womöglich ohnehin nur als Erfüllungsgehilfe des Kapitals fungieren und die schlimmsten Exzesse mindern soll. Dieser Ausgabe kommt er jedoch immer weniger nach, weil ihm zunehmend das Geld dafür fehlt. Dieses wird an ihm vorbei akkumuliert.

Er ist schwer zu fassen, dieser neue Feind, viel schwerer als seinerseits der Staatsapparat der Ostblockstaaten. Er zergliedert sich in schwer fassbare und heterogene Größen wie „die Wirtschaft“, „das Kapital“, „die Politik“, „die (sozialen) Medien“, die bei allem Geschacher und Gezänk doch in ihrer Gesamtheit das repräsentieren, was es zu bekämpfen oder still zu boykottieren gilt.

Unbedingt zu boykottieren sind auch die Nepper, Schlepper und Bauernfänger von rechts und links, die sich als Gegner des „Systems“ gerieren und mit den so eingesammelten Naivwählerstimmen ihre eigene, womöglich noch um einiges finsterere Agenda voranzutreiben gedenken.

Ein wirklich intelligenter Mensch, so scheint es, kann eigentlich nur zum Nischenwessi werden. Die Frage ist, ob eine solche Existenz heute überhaupt noch möglich ist.

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