Stream of Consciousness unplugged


Was ich mich frage: Wie hat es Joyce angestellt, sein berühmtes Kapitel über Molly Bloom zu schreiben? Ich weiß, er hat mit Frauen (Mit welchen eigentlich? Auch seiner eigenen? Die hieß Nora, wenn ich mich recht erinnere.) gesprochen, und die haben ihm erzählt, was ihnen abends im Bett manchmal so durch den Kopf geht. Dann hat er sich vermutlich doch nur die Dinge herausgenommen, die ihm interessant erschienen und daraus ein enorm konstruiertes Kapitel komponiert. Oder? Dann ist das doch gar kein echter Stream of Consciousness, aber diese Bemerkung ist jetzt wirklich naiv, natürlich ist das nicht „echt“, ist doch nur eine literarische Technik, wozu eigentlich, einfach nur, um mal zu sehen, wie weit man damit kommt, was dabei herauskommt? Einfach nur so als Spiel und Experiment? Oder weil man damit zum Ausdruck bringen will, dass der moderne Mensch aufgrund der ihn überfordernden Umwelt auf sein inneres Selbst zurückgeworfen wird, das sich jedoch auch nicht allzu übersichtlich darstellt, sondern ganz im Gegenteil ein Zerrspiegel des äußeren Chaos ist? Virginia Woolf war ja auch eine Spezialistin. Habe leider nie etwas von ihr gelesen, aber kürzlich ihr Porträt in der NPG gesehen, auf dem es so aussieht, als hätte sie gar keine richtigen Augen, also keine Augen, die geöffnet werden können, sondern die irgendwie zugewachsen sind. Das sollte wohl, wenn ich mich recht erinnere, ihr reichhaltiges Innenleben zum Ausdruck bringen. Ich würde auch gern die Frauen, die ich kenne, einmal fragen, was ihnen so abends im Bett durch den Kopf geht. Bei meiner Frau wäre es wohl wenig schmeichelhaft für meine Wenigkeit. Wahrscheinlich sollte ein Mann so etwas von seiner Frau nicht wissen, das kann einer Ehe nicht gut tun, die Ehe ist eine Zweckgemeinschaft und eine Sache der Gewohnheit, Dinge schleifen sich über die Jahre ein, ohne dass man es so recht bemerkt, man ist sich der zahlreichen Widersprüche und Absurditäten des Zusammenlebens nicht bewusst, wenn man wüsste, was der oder die andere wirklich von einem denkt, wäre man wahrscheinlich schockiert und verletzt, und das tut keiner „Beziehung“ gut, man kann es drehen und wenden wie man will. Und wenn ich andere Frauen fragte, J. zum Beispiel, oder A. oder K., die meine Gattin manchmal halb scherzhaft meine „Lady Friends“ nennt (wenn sie eifersüchtig ist, verbirgt sie es seit jeher sehr geschickt, ich habe es eigentlich nur einmal erlebt), wenn ich also meine Lady Friends diesbezüglich interviewen würde, das empfände ich schon als halben Ehebruch, komisch das ist mein Empfinden, gar nicht das von meiner Frau zu erwartende, ist es nicht seltsam, wie man den eigenen Gedanken selbst die Zügel anlegt, sich selbst beschränkt, einengt, behindert, einfach nur aus einem inneren Konformismus heraus und der Angst vor dem, was da vielleicht alles in einem steckt, schmutzig, abscheulich, widerlich, jedenfalls den Konventionen widersprechend, aber gibt es denn eigentlich noch Konventionen? Natürlich gibt es die, wir leben in einem Zeitalter, das sich als „frei“ gebärdet und das uns doch unzählige mehr oder weniger unsichtbare Ketten anlegt, da bin ich mir sicher. Warum erinnert mich dieser merkwürdige innere Monolog eigentlich die ganze Zeit an Houellebeq, dessen Namen ich nie richtig schreibe und deshalb hin und wieder kalauernd in „Wellblech“ ändere? Kalauer sind sowieso mein Ding, waren es schon immer, sie sind die Kehrseite der Medaille, die Positivseite der anderen, die ich keineswegs in die Welt hinauslassen kann, wenn dann eben nur als Gegenteil, als Kontrast, als Kalauer eben. Eigentlich wäre es an der Zeit, sich den „Ulysses“ mal wieder vorzunehmen, es ist sicherlich schon über zwanzig, ach was, don’t cheat yourself, buddy, wahrscheinlich fast dreißig Jahre her, dass ich ihn las, und es hat mir seinerzeit viel Spaß gemacht, das muss ich zugeben, obwohl oder vielleicht auch gerade, weil ich ihn nicht im Original, sondern in der wunderbaren Übersetzung, streckenweise wohl eher Nachdichtung von Hans Wollschläger mir zu Gemüte führte, der seinerzeit, so erzählte mir mal ein Ex-Suhrkamp-Mann dafür gerade einmal 5, in Worten fünf Euro, nein Mark pro Seite für diese echte Labour of Love bekam und wie gesagt einen tollen Job machte, was besonders in dem literaturhistorischen Kapitel sehr schön deutlich wird. Ulysses also, keine Ahnung, was in diesem Buch eigentlich „passierte“, darum ging es Joyce ja bekanntlich nicht, es ging um das Experimentieren mit Sprache, um clevere, versteckte Ideen und Einfälle und all das. In diesem Moment meldet sich mein Körper zu Wort, vielmehr mein Kopf, der eine Migräne anmeldet, vielleicht ist es doch nicht so gesund, blind zu tippen, also die ganze Zeit auf den Bildschirm zu starren, das ist durchaus möglich. Jetzt bin ich eh aus dem Rhythmus gekommen, es geht viel langsamer, ich muss die Tasten suchen, hin und her probieren, mich sozusagen an die ganze Sache herantasten, buchstäblich (ha!) Tja, und wenn man mir jetzt die Frage stellte, wo ich eigentlich stehengeblieben bin, dann kann ich wie aus der Pistole geschossen antworten: Hier!

Nachtrag: Beim Versuch, ein Bild für obigen Text zu generieren, hat die KI versagt. Es war ihr nicht möglich, sie brachte eine kryptische Fehlermeldung. Ich empfinde das als einen kleinen Sieg der menschlichen Intelligenz. Gern hätte ich stattdessen Vanessa Bells im Text erwähntes Porträt Virginia Woolfs verwendet, doch leider ist dieses nicht unter einer Creative Commons Lizenz verfügbar. Anyway, wer es sich trotzdem anschauen möchte, kann dies unter diesem Link gern tun. Stattdessen habe ich Jacques-Emile Blanches 1935 entstandenes Porträt von James Joyce verwendet (James Joyce by Jacques-Emile Blanche, oil on canvas, 1935, NPG 3883, © National Portrait Gallery, London).

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