Trotzdem

Mein Kopfnachbar ist Comedian. Er erklimpert, ersingt und erblödelt sich sein täglich Brot auf den Tingeltangenbühnen der Republik.

Zuhause singt er selten. Übt nur manchmal am Piano. Mit Kopfhörern.

Doch im Moment singt er lauthals gegen die sich bei vielen langsam anbahnende Neujahrs- und Winterdepression, die Rückkehr zum „Ernst des Lebens“ an.

Sein alberner Gesang erfüllt den trist im Ganztagsdämmerlicht liegenden Innenhof des Hauses, bricht sich auf groteske Weise an den verwitterten Mauern, die unter dem fast vollständig abgebröckelten, einhundertdreißigjährigen Putz zutage treten, wie das blutleere Fleisch eines gehäuteten Vampirs.

Jede große und kleine Kunst ist ein Trotzdem. Ein aus dem Mut der Verzweiflung geborenes Lachen in die gräßlichen Fratzen einer Hydra, deren Köpfe sich fortwährend erneuern. Jede mitreissende Melodie, jeder gelungene Satz, jeder wirkungsvolle Pinselstrich ist ein kleiner Sieg in einem Krieg, den du nicht gewinnen kannst.

Und den du dennoch führen musst.

Hinterlasse einen Kommentar