Phil machte keine Anstalten, ein Gespräch zu beginnen. Er lenkte den Land Rover schweigend durch die verwaisten Straßen der Stadt. Ab sieben wurden hier offenbar die Bürgersteige hochgeklappt.
Als wir Bolderstone hinter uns gelassen hatten, ging es weiter, auf schmalen, vielfach gewundenen, von hohen Hecken eingefassten Landstraßen durch die sanft gewellte Landschaft der Grafschaft Kent, die einmal der Garten Englands gewesen war. Die Felder dahinter lagen in tiefer Dunkelheit, nur in weiter Ferne schien sich noch ein grauroter Dämmerungsrest am Himmel zu behaupten, bei dem es sich jedoch wohl eher um die Lichtreflexion einer kleinen Ortschaft handelte. Aus irgendeinem Grund weckte die Erscheinung Assoziationen an kolorierte Monumentalschinken der 1950er und 1960er Jahre, in denen der Zerfall des römischen Imperiums unter dem Ansturm der Hunnen oder anderer Barbaren erzählt wurde.
Ich betrachtete Phil schweigend von der Seite. Er hatte sich sehr verändert. Als wir zusammen an unserem Stück gearbeitet hatten, war er ein Dandy gewesen, ein Mann, dem die Farbe seiner Socken oder seiner Krawatten wichtiger war als der Weltfrieden, der zu Wutanfällen neigte, wenn dem Barkeeper ein Eiswürfel zu viel in seinen Lieblingsdrink rutschte, und der den auf Bequemlichkeit und Street Credibility ausgerichteten Style vieler Zeitgenossen als Ausdruck einer enthemmten Wohlstandsverwahrlosung zutiefst verabscheute.
Jetzt sah er selbst ein wenig wie ein Vagabund aus. Auf seinen Wangen, die früher so glatt wie der sprichwörtliche Babypopo gewesen waren, spross ein mit grauen Stoppeln durchsetzter Dreitagebart. Seine ebenfalls grau melierten, dunkelbraunen Haare waren fast schulterlang und ungekämmt. Immer wieder strich er sich in unwirschen Bewegungen einzelne besonders widerspenstige Strähnen aus dem Gesicht. Den seinerzeitigen Maßanzug hatte er gegen einen offenbar selbst gestrickten Pullover in anarchischer Farbkombination und eine fleckige, dunkelblaue Arbeitshose vertauscht. An den Füßen trug er grüne, mit eingetrocknetem Lehm besudelte Gummistiefel.
„Was ist denn mit dir passiert?“, konnte ich mir nicht verkneifen zu fragen.
„Was soll mit mir passiert sein?“ antwortete er überraschend gut gelaunt.
„Du siehst aus wie ein irischer Kartoffelfarmer.“
„Mag sein. Außer dass ich weder Ire bin, noch Kartoffeln anbaue. In diesem Jahr ist es Winterweizen. Und Rosenkohl.“
„Rosenkohl, so so“, sagte ich. „Du bist also wirklich Farmer geworden?“
„Nicht ganz. Ich verstehe nichts von der Landwirtschaft. Ich verpachte an einen Landwirt aus der Umgebung. Aber natürlich interessiert es mich schon, was er dort pflanzt. Frage mich allerdings, ob er damit überhaupt etwas verdient.“
„Und was machst du den ganzen Tag in deiner Eremitage?“
„Schreiben, trinken, den Garten pflegen und natürlich lesen. Und momentan bin ich viel auf der Jagd.“
„Was um alles in der Welt jagst du denn?“
„Es ist Fasansaison. Wenn du brav bist, darfst du heute einen kosten. Mittlerweile müssten sie gut abgehangen sein.“
„Und woran schreibst du?“ fragte ich. Phils Debütroman „Billy: Confessions of a Bookcase“ war vor gut zehn Jahren ein Überraschungserfolg gewesen.
„Eine Art Familienchronik“, sagte er.
Mehr war vorerst nicht aus ihm herauszubringen. Nach einer halben Stunde erreichten wir Mischief Manor.
(Fortsetzung folgt)

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