Weihnachten mit Phil (2)

Wo war ich stehengeblieben? Richtig, meine Zugfahrt nach Bolderstone, dem kleinen Marktstädtchen in Kent, in dessen Nähe Phil lebt. Ich kam dort gestern am späten Nachmittag, etwa eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit an.

Phil hatte versprochen, mich abzuholen, doch als ich aus dem kleinen Bahnhofsgebäude trat, war er nirgends zu sehen. Ich rauchte zwei Zigaretten und zog mich dann wieder vor der feuchten Kälte nach drinnen zurück.

Das Bahnhofsgebäude war nun leer, bis auf den Mann im Ticket Office und den Ticketschrankenwart, der ein sehr langes Telefongespräch führte, soweit ich feststellen konnte auf Kiswahili oder in einer anderen afrikanischen Sprache.

Ich durchstöberte gelangweilt das Charity-Regal nach Büchern und inspizierte dann den eher traurigen Plastikweihnachtsbaum, den das Bahnhofspersonal in einer toten Ecke des Gebäudes aufgestellt hatte. Es lagen sogar Geschenke darunter. Ein daneben an der Wand angebrachtes Schild informierte etwaige Opportunisten: „Please note the boxes under the tree are empty.“

Ich wartete eine gute halbe Stunde, dann, als ich mich eben nach dem nächsten Zug zurück in mein gemütliches Küstendomizil erkundigen wollte, hörte ich lautes Hupen. Phils betagter Land Rover wartete direkt vor dem Eingang. „Worauf wartest du noch?“ rief er mir aus dem offenen Fenster zu. „Steig schon ein!“

„Ich wollte gerade wieder zurückfahren“, giftete ich ihn an, während ich meine Tasche auf dem Rücksitz verstaute.

„Du warst schon immer eine kleine Diva“, bemerkte er trocken und öffnete von innen die Beifahrertür, eine Geste, die vielleicht eine Entschuldigung für sein Zuspätkommen ersetzen sollte. Selbst diese fiel im sichtlich schwer.

Im Gegensatz zur Mehrheit seiner Landsleute, die sich fortwährend für alles mögliche und unmögliche entschuldigen, selbst wenn es mit ihnen nicht das geringste zu tun hat, lebt Phil streng nach der Devise: „If you can’t take me as I am, go and get stuffed.“ Um ehrlich zu sein, habe ich das immer an ihm gemocht.

Ich hievte mich also in den Land Rover und wartete auf irgendeine Art richtige Begrüßung. Doch noch ehe ich die Tür geschlossen hatte, gab er Gas und ab ging’s in Richtung „Mischief Manor“, dem alten Farmhaus, das Phil vor drei Jahren von seinen Eltern, die praktischerweise kurz nacheinander das Zeitliche segneten, geerbt hat, und in dem er seitdem die meiste Zeit des Jahres das Leben eines Einsiedlers führt.

(Fortsetzung folgt)

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