Weihnachten mit Phil (1)

Vor einigen Tagen bin ich in England eingetroffen. Wie ich nach einer überraschend komplikationslosen Reise per Flugzeug und Zug feststellen konnte, hatte mein Weihnachtsdomizil, eine kleine Wohnung in einem hier nicht näher zu bezeichnenden englischen Badeort, treu und brav auf mich gewartet.

Nach einem Großeinkauf setzte ich mich dort bis auf Weiteres fest und verließ die Wohnung nur für gelegentliche, meist erfrischend einsame Spaziergänge am weitläufigen Kiesstrand des Ortes.

Das Wetter war scheußlich, genau wie ich es mir erhofft hatte. Der heftige Nordseewind blies mir Nieselregen und Salzgischt ins Gesicht, schmutzig gelbe Wogen rannten vergebens gegen mich an, und das Meer zeigte sich äußerlich so aufgewühlt wie ich es innerlich war, bis ich mich nach drei Tagen allmählich beruhigte.

Wann immer ich von meinen Strandspaziergängen in die Wohnung zurückkehrte und die Tür hinter mir ins Schloss gefallen war, umfingen mich heimelige Wärme und wohltuende Stille, ließ sich die Glut des Feuers mit zwei Scheiten schnell wieder beleben, schmeckte der Whisky umso besser, als ich ihn schon vor der sonst üblichen Trinkdeadline (18 Uhr) einnahm.

Ich tat stundenlang nichts, saß in meinem Sessel, starrte ins Feuer, blätterte in Zeitungen und verfasste zu meiner Lektüre Tweets (oder wie immer das neuerdings heißt), die ich im Moment des Schreibens für sehr spitzfindig hielt, die mir aber schon wenige Minuten danach als höchst töricht erschienen.

So hätte es aus meiner Sicht ruhig weitergehen können, wenn ich gestern nicht einen Anruf von meinem alten Schreibkollaborateur und, nun ja, nennen wir es ruhig Freund, Philip Bottomley Phelps erhalten hätte.

Als ich seine Festnetznummer (Er ist der einzige Mensch in meinem Umfeld, der kein Handy besitzt) auf dem Display sah, vergaß ich vor Schreck, den Anruf zu ignorieren. Das letzte Mal hatte ich vor drei Jahren mit ihm gesprochen.

„Vlad?“ bellte er mich an.

Ich habe ihm nie klarmachen können, dass Wjatscheslaw und Wladimir zwei vollkommen verschiedene Namen sind, und dass ersterer keineswegs als „Vlad“ (wie etwa bei Graf Dracula) abgekürzt wird, was ihn im übrigen auch nicht interessiert hätte.

„Yes, it’s me“, meldete ich mich zaghaft. „How are you?“

„None of your bloody business“, raunzte er. Er hatte sich offensichtlich in den letzten drei Jahren nicht verändert. „Listen, why don’t you come over for Christmas?“

Ich war perplex, aber nicht so perplex, dass ich nicht wenigstens versucht hätte, mich herauszuwinden. „Well, I would love to, but I had planned to spend the holidays with my family“, log ich.

Natürlich kaufte er mir das nicht ab. „Don’t be bloody ridiculous. You hate your family as much as I do.“

„Why would you hate my family? You’ve never met them.“

Natürlich ging er auf meinen müden Scherz nicht ein, sondern befahl mir ohne Umschweife, mich schnellstmöglich in Bewegung zu setzen, und ihn auf seiner Farm in Kent zu besuchen. Er bezweifelte nicht einen Moment, dass ich in England sei, und jeder Versuch, ihn vom Gegenteil überzeugen zu wollen, erschien mir von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Auch sonstige Einwände, die ich hervorbrachte, wischte er in seiner charakteristisch brüsken Art beiseite. Und so stieg ich also heute Nachmittag in den Zug, in dem ich nun sitze, um seinem Befehl zu folgen.

Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet, und warum er so versessen darauf ist, mich zu sehen. Er hat sich wie üblich nicht erklärt. Sentimentale Gründe können gänzlich ausgeschlossen werden. Wie ich selbst gehört er nicht zu denen, die an Weihnachten nicht allein sein wollen, ganz im Gegenteil.

Will er mit mir über ein neues gemeinsames Projekt sprechen? Ich hoffe nicht, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich noch einmal mit ihm kollaborieren könnte. Meine Therapeutin und ich sind noch immer damit beschäftigt, das letzte Mal aufzuarbeiten.

Was mich damals wirklich überraschte, war nicht der Umstand, dass wir kein Theaterproduktion fanden, die unser gemeinsames Stück aufführen wollte, sondern dass wir es tatsächlich geschafft hatten, „I Thought We Had Something Special“ zu Ende zu schreiben, ohne dass ich Phil vorher von hinten mit einem seiner Küchenmesser die Kehle aufgeschlitzt hatte. Gott, oder wer immer für solche Dinge zuständig ist, weiß, dass ich einige Male kurz davor war.

Wie dem auch sei, nun harre ich der Dinge, die da kommen mögen. Meine große Hoffnung ist, dass Phil mich nach zwei Tagen ohnehin wieder hinauswirft, weil ich ihm auf die Nerven gehe oder etwas Falsches sage oder tue. Dann wäre ich an Heiligabend wieder an meinem Kamin, hörte den wütenden Wellen und der himmlischen Menschenleere auf den Straßen zu, führte mir den Weihnachtsbrandy in homöopathischen Dosen zu Gemüte, sähe sinnierend in das knisternde Kaminfeuer und beschiede die innere Frage nach der Notwendigkeit, ein ernsthaftes Buch aufzuschlagen, ein ums andere Mal mit einem konsequenten Nein.

(Fortsetzung folgt)

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