Es spielt: das Rundfunk-Symphonieorchester Berlin unter David Afkham (David Beckham hatte keine Zeit). Auf dem Programm stehen Bartóks Violinkonzert Nr. 2 und Schmidts Sinfonie Nr. 4.
Die Instrumente stimmen so weit, wenn auch nicht lange. Zwei Damen zeigen dem Publikum schon mal, was eine Harfe ist. Ist es die große oder die kleine Harfenrundfahrt? Egal. Akham besteigt dynamisch das Pult, der Solist legt an und los: Béla B. mal ganz anders.
Die Violine virtuos aber schrill. Auf und ab, hin und her, wie verrückt. Nennt man das dissonant? Egal, es klingt wie die Vertonung eines Migräneanfalls. Oder eben die letzte Klappe, bevor das alte, kulturell überspannte, überintellektualisierte, an der Last seiner eigenen, im Ersten Weltkrieg schon in den Grundfesten erschütterten Kultur endgültig in den Ruin purzelte.
Wir schreiben das Jahr 1939. Die braunen oder schwarzen oder sonstwie gefärbten Barbaren zertrümmern auch noch den letzten Rest des Gestern, fliehen Hals über Kopf ins zweite große Schlachten, bringen das morsche Gebäude endgültig zum Einsturz. O-Ton Adolf H.: „Eine Muh, eine Mäh, eine entartätätärä Kunst!“
Der Einzelne, Kleine, Gequälte, Getriebene dreht und windet sich, kreischt, winselt, nicht um Vergebung, sondern aus schierer Verzweiflung, hilflos, sprachlos, bar jeglicher Vernunft und wohl auch ohne Hoffnung.
Das Orchester gebärdet sich mal unaufdringlich, nur so hingetupft, mal brav begleitend, dann wieder großes Drama, wie im Monumental- oder Stummfilm, dann überraschend angedeutete Harmonie, die gleich darauf wieder in Verhängnis und Donnergrollen zerstäubt.
Assoziationen, Gedanken, flüchtige Beobachtungen, aus der Beklemmung heraus. Grauschöpfe im Parkett, Orgelpfeifen in Reih und Glied, Lüster, ganz brav ohne n, weiße Scheinwerfer wie bei der Rückkehr der Jedi-Ritter, zwei dorische Säulen (wenn die Dorer das wüssten). Schmale Säulen auch links und rechts unter den Seitengalerien, metallen, vergoldet, baulich wohl nutzlos, à la Mississippiraddampfer. Preisfrage: Gibt es noch einen Fluss, der drei Doppelbuchstaben im Namen hat?
Rechts und links an der Wand die Büsten der Schuldigen, auch Bartók ist dabei. Natürlich alles Herren der Schöpfung.
Nebenbei Vertiefen ins Programm. Was dachte sich Béla B. dabei? Offenbar sehr viel, aber für Laien ist der Zugang leider verboten. Nur manchmal, zwischendurch, lässt der Dramaturg einen raus: „Bezeichnenderweise verzichtet Bartók hier ganz auf schweres Blech.“ Wer könnte es ihm verdenken?
Dann ist es „schon“ aus. Der erleichterte Blick fällt zufällig auf das Metallschild am Vordersitz. Stuhlpate: Dr. Arend Oetker. Doch nicht derjenige welcher? Vom Klangpudding zum Plumpudding, so schnell kann’s gehen.
Pause
Neueste Errungenschaft: genderneutrale Toiletten. Zwei Skandinavierinnen stehen am Waschbecken und klatschen kichernd. Holt man ihn jetzt raus oder nicht? Nein, lieber doch aufs Häusl. Die Skandinavierinnen plaudern noch immer. Man traut sich kaum. Ganz anders die Dame im Nebenhäusl, die ohne großes Vorgeplänkel mit sehr forschem Strahl einsteigt. So kann man sich auch näher kommen. Später sitzt sie sogar vor mir. Neben Dr. Oetker.
Dann wieder Töne. Trompeter und der Wolf? Mitnichten. Die Trompete am Beginn von Schmidts Vierter, 1934 uraufgeführt, auch da war die Welt schon längst nicht mehr in Ordnung.
Nacheinander setzen die anderen ein, und dann beginnt es zu fließen und fließt und hört bis zum Ende nicht mehr auf, mit verführerischer aber trügerischer Süße, Wehmut, machmal Dramatik, düsterem Dräuen, immerhin geht es um den Tod und das Hinübergleiten ins, tja, in was wohl?
Auch das Programm weiß keine Antwort, zumindest keine einfache. Immerhin zwischendurch ein menschlicher Zug: „Arnold Schönberg lässt grüßen.“ Bitte grüßen Sie ihn ganz herzlich zurück.
Wieder dieses Gefühl des Endes von etwas, nicht nur eines Lebens, sondern auch einer ganzen Ära, eines Lebensgefühls, einer auf die Spitze und darüber hinaus getriebenen Sensibilität und Intellektualität.
Beim halben Hören Gedanken an Wien, diese Stadt, die so kühn zwischen Weh, Mut und Depression oszilliert, Paul Hörbiger, Hans Moser, Hallo Dienstmann, Küss die Hand, gnä Frau, der Abschied fällt mir schwer, aber wir werden uns wohl eines Tages wiedersehen, fragt sich nur wann und wo.
Dann isch over, die Garderobe wird gereicht, und Berlin, der Alltag, die Bauzäune und halb verlegten Bodenplatten des Gendarmenmarktes (vermutlich Einbau einer Fußbodenheizung) haben mich wieder.
Im Weggehen ein Blick zurück auf das Schauspielhaus. Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt. Deutschland einig Vaterland hat ja auch geklappt, fürs Erste. So weit, so la la. Aber irgendwo in der kalten Winterluft liegt etwas, eine Ahnung, eine vage Erinnerung, ein Memento von etwas, das einmal war – und nie mehr wiederkommen wird.


Hinterlasse einen Kommentar