Ein Mann, der den Krieg liebte

Heute vor 150 Jahren wurde Winston Churchill geboren. Er steht wie kein anderer für den Durchhaltewillen der Briten im Zweiten Weltkrieg.

Warum Churchill als Kriegspremier so erfolgreich war? Weil er den Krieg liebte. Das hatte er mit seinem Erzwidersacher Hitler gemeinsam.

Während der als Kunstmaler gescheiterte und 15 Jahre jüngere Hitler erst im Ersten Weltkrieg seine Liebe zum staatlich sanktionierten Morden entdeckte, trat der akademisch eher faule und daher für Oxbridge ungeeignete Churchill schon als junger Mann ins Militär ein und zog dann mit großer Begeisterung in jeden Krieg, an dem er, meist aufgrund seiner guten Beziehungen in höhere Kreise, als Freiwilliger teilnehmen konnte.

Stellvertretend für viele steht der Sudanfeldzug unter Lord Kitchener, den er in seinem 1899 erschienenen Buch The River War (deutsch Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi) beschrieb. Darin findet sich folgende Liebeserklärung an das Soldatenleben:

„Those who live under the conditions of a civilised city […] gain luxury at the expense of joy. But the soldier […] wakes in an elation of body and spirit without an effort and with scarcely a yawn. There is no more delicious moment in the day than this, when we light the fire […] knowing that there is another whole day begun […] free from all cares. All cares – for who can be worried about the little matters of humdrum life when he may be dead before night? […] Here life itself, life at its best and healthiest, awaits the caprice of a bullet. Let us see the development of the day. All else may stand over, perhaps for ever. Existence is never so sweet as when it is at hazard.“

In der Schlacht bei Omdurman am 2. September 1898 schossen Kitcheners Truppen ihre mahdistischen Gegner, islamistische Fundamentalisten, die im Sudan heute als nationale Freiheitskämpfer verehrt werden, buchstäblich zusammen.

Wenig später reiste Churchill, der nun im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt hatte, nach Südafrika, um als Reporter über den zweiten Burenkrieg zu berichten, der nur eine von vielen unrühmlichen Episoden des britischen Imperialismus darstellt.

Auch in seiner langen politischen Karriere ließ ihn der Krieg selten los. Als britischer Marineminister verantwortete er die schlecht geplante und grandios missglückte Truppenlandung an den Dardanellen, die nicht nur zehntausende alliierte Soldaten das Leben, sondern Churchill auch den Job kostete.

Seine Reaktion ist bezeichnend: Er meldete sich freiwillig an die Westfront. Man könnte das durchaus als „Flucht in den Krieg“ bezeichnen.

Nach weiteren politischen Erfolgen und Rückschlägen wurde Churchill dann mit 65 Jahren Premierminister und durfte das machen, was ihm am besten gefiel: Krieg führen.

Obwohl er ihn (mit Stalins und Roosevelts Hilfe) gewann, entschied sich die Mehrheit des britischen Volkes im Juli 1945 bei den Unterhauswahlen gegen den Kriegspremier. Jetzt ging es nicht mehr darum, den Krieg zu gewinnen, sondern den Frieden zu gestalten. Und das traute man der alten Bulldogge nicht zu.

Die Zeit der (Kriegs-)Helden war vorbei. Es schlug die Stunde dessen, was Evelyn Waugh „The Age of the common man“ nannte: ein Frontalangriff auf die Klassengesellschaft des Königreiches mit ihren immensen, über Jahrhunderte zementierten Standes- und Einkommensunterschieden.

Die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien, Umverteilung, Sozialstaat und Bildungsoffensiven ersetzten imperialen Jingoismus und martialische Durchhalteparolen. Aus Angst vor dem Kommunismus und vielleicht auch aufgrund gewisser Überzeugungen verpasste Labour ausgerechnet dem Mutterland des Kapitalismus einen sozialistischen Anstrich.

Es waren Reformen, die auch nach der Wiederwahl Churchills im Oktober 1951 nicht mehr rückgängig zu machen waren. Dass er noch einmal gewählt wurde, verdankte er wohl ebenso seinem Legendenstatus wie dem Umstand, dass die Reformen nicht schnell genug zu einem Ende der Austerity-Politik der Kriegs- und Nachkriegszeit führten.

Ebenfalls nicht mehr rückgängig zu machen, war die Desintegration des British Empire, nachdem 1947 das Kronjuwel Indien unabhängig geworden war. Für Churchill, der sich bei der Eroberung des Sudan seine militärischen Sporen verdient hatte, war das ein schwerer Schlag. Vielleicht kam er sich damals selbst als aus der Zeit gefallen vor.

Entsprechend uninspiriert verlief seine letzte Amtszeit als Premier, die er vorzeitig abbrach, um den Staffelstab an Anthony Eden zu übergeben, der dann mit der Suez-Krise sein eigenes Landungsfiasko erlebte und die finale Abwicklung des Empire einleitete.

Churchill, der Mann, der den Krieg liebte, lebte nach seinem Rücktritt 1955 noch zehn Jahre. Er war zu einem Monument seiner selbst geworden, einem unverrückbaren Monolithen, einem Dinosaurier, dessen Zähne stumpf geworden waren. Und doch ist es vielleicht angebracht, sich an dieser Stelle einmal kurz zu verneigen. Happy Birthday, Winston.

(Bild: Churchill 1896 als junger Kavallerist in Indien. Unbekannter Fotograf. Bromiddruck, National Portrait Gallery, London)

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