Nachdem die gestrige Presseschau auf unerwarteten, nichtsdestoweniger jedoch höchst willkommenen Anklang stieß, hier die aktuelle Ausgabe.
Nach Westwall und Maginot-Linie nun „Ostschild“
Der neue Kalte Krieg (der ja einen heißen Krieg auf europäischem Boden beinhaltet, was der seinerzeitige KK nicht schaffte), geht unvermindert weiter. Wie die NZZ berichtet, weihte der polnische Premier Tusk letztes Wochenende die erste Baustufe des sogenannten „Ostschild“ ein, ein 700 Kilometer langes System von Schutz- und Trutzanlagen an der Grenze zur russischen Exklave Kaliniengrad und zu Weißrussland.
Das weckt Erinnerungen an Grenzbastionen der Zwischenkriegszeit wie den deutschen Westwall oder die französische Maginot-Linie. Diese erwiesen sich am Ende als nutzlos. Ich drücke meinen polnischen Freunden alle Daumen und Großzehen, dass der russische Aggressor, der laut NATO-Kreisen schon 2029 für einen Angriff auf die baltischen Staaten und die Suwalki-Lücke bereit sein soll, sich am Ostschild die Zähne ausbeißt.
Britische Armee leider nicht kriegsbereit
Besorgniserregend ist die Nachricht, dass die gesamte britische Armee bei einem echten Krieg mit Russland innerhalb von sechs Monaten durch Tod oder Verwundung außer Gefecht gesetzt werden würde. Davon geht der in der Times zitierte britische Militär Carns aus.
Denn die britische Armee, von der der deutsche Reichskanzler Bismarck seinerzeit so wenig hielt, dass er meinte, sie bei sicherer Passage über den Ärmelkanal (aber genau das war der Haken) mit der preußischen Polizei besiegen zu können, zählt aktuell gerade einmal 71.347 Männer und Frauen. Das ist die geringste Größe seit den Kriegen gegen Napoleon.
Ein anderer Militär, General Hockenhull, fügte noch hinzu, dass es im ukrainischen Militär mehr Amputierte gebe als britische Soldatinnen und Soldaten, was so nebenbei die menschlichen Kosten des derzeit laufenden Krieges beleuchtet, in dem Russland angeblich 1.500 Mann pro Tag durch Verwundung oder Tod verliert. Die ukrainischen Verluste sind und bleiben wohl noch auf unbestimmte Zeit geheim.
Jeder macht mal Fehler
Nachrichten wie diese lassen mich zwischendurch immer mal wieder die Frage stellen, in welchem, offensichtlich falschen, Film ich eigentlich gelandet bin. Doch dann erinnere ich mich daran, dass der Krieg nun einmal so zwingend zur menschlichen Existenz (zumindest seit der Sesshaftwerdung) dazugehört, wie die Sahne zum Borschtsch. Ich entschuldige mich hiermit bei allen Beteiligten, dass ich es für eine Weile vergessen hatte. Blame the hedonistic nineties, I guess.
Zwischenfall in der Ostsee
Ebenfalls zum Thema: Während chinesische Frachter angeblich die Ostsee auf der Suche nach zu durchtrennenden Seekabeln oder Pipelines (obwohl die NATO bzw. die Ukraine damit wohl mehr Erfahrung haben dürfte) durchpflügen, geriet ein deutscher Marinehubschrauber so nah an ein russisches Schiff, dass die Besatzung Signalmunition auf die Maschine abfeuerte. Weitere Details sind offenbar nicht bekannt, werden wohl auch nie bekannt gegeben, denn das Bundesverteidigungsministerium, das man früher so schön lapidar und eingängig „Hardthöhe“ nennen konnte, verweigert aus „operativen Gründen“ (gemahnt an die bei der Bahn so beliebten „betrieblichen Gründe“) eine Stellungnahme.
Out of expensive Ammo
Und dann ist da noch die Frage der Munition. So haben die USA und Europa der Ukraine bisher etwa 4 Millionen 155-mm-Artilleriegeschosse geliefert. Nordkorea hingegen lieferte nach westlichen Schätzungen das Doppelte an die Russen.
Womit wir nach den menschlichen (siehe oben) nun bei den monetären Kosten eines Krieges wären. Im Oktober letzten Jahres beklagte sich ein NATO-Admiral darüber, dass sich die Kosten für diese Munition seit Beginn des Krieges vervierfacht hätten, genauer von 2.000 auf 8.000 Euro.
Wenn wir einen mittleren Preis von 5.000 Euro pro Stück EU-Munition (die US-Variante ist aufgrund der direkteren staatlichen Kontrolle der US-Rüstungsindustrie wesentlich günstiger) anlegen, ergibt sich, dass die europäischen NATO-Länder allein mit dieser Munition bisher 5 Milliarden Euro buchstäblich verballert haben, ganz zu schweigen von den Kosten für wesentlich teurere Waffensysteme wie die Patriot.
Was nebenbei die interessante Frage aufwirft, wer an diesem Krieg eigentlich wie viel verdient. Eine derartige Preisexplosion hätte man in der „guten“ alten Zeit, als Verteidigungsministerien noch Kriegsministerien hießen, wohl eindeutig unter die Rubrik „Kriegsgewinnlerei“ verbucht. Wobei ich mir natürlich des ehernen Gesetzes von Angebot und Nachfrage durchaus bewusst bin.
Oligarchie Made in US
Kommen wir zu einem anderen, bereits gestern oberflächlich beackerten Thema, meinem Lieblingsmilliardär Elon Musk. Dem unterstellt Hugo Rifkin in der Times eine – zugegebenermaßen etwas dilettantisch propagierte – politische Philosophie, die sich unter dem Begriff „Herrschaft der Reichen“ fassen lässt. Wobei „Reiche“ hier natürlich Superreiche meint. Aristoteles nannte das Oligarchie. Diese sei dann vorhanden, „wenn die Vermögenderen Herren des Staates sind.“
Damit ist den, wie wir in der Schule gelernt haben, wesentlichen drei Elementen der US-Verfassung – Demokratie, Monarchie und Aristokratie – nun eine vierte hinzugefügt worden, mit dem pikanten Detail, dass das demokratische Element sich mehrheitlich selbst dafür entschieden hat, weil die (populistischen) Oligarchen ihr erfolgreich vorgaukelten, in seinem Sinne zu wirken, und nicht primär ihre eigenen Interessen zu verfolgen, was sie natürlich tun werden.
Damit lavieren die USA in Richtung eines Systems der in Personalunion ausgeübten wirtschaftlichen und politischen Macht, das bisher eher in osteuropäischen Ländern (Ukraine, Georgien usw.) verortet wurde. Russland wiederum hat mit Putin schon vor vielen Jahren den klaren Weg in die Tyrannis, für Aristoteles die Pervertierung der Monarchie, eingeschlagen bzw. hat dieses System wiederbelebt.
In den USA wird nun ein (mit einem geschätzten Vermögen von 5,5 Milliarden Dollar im Vergleich zu Elon Musk allerdings recht „armer“) Oligarch mit Hilfe eines anderen Oligarchen und williger Helfer aus dem Gegenestablishment darauf hinwirken, die bisherige Amtsaristokratie, die er als „Eliten“ bezeichnet, von den Schalthebeln der Macht zu verdrängen. Das ist ein Präzedenzfall, dem im 19. Jahrhundert in etwa die Wahl von J.P. Morgan oder J.D. Rockefeller zum US-Präsidenten gleichgekommen wäre – und natürlich eine hoch interessante Geschichte, deren Ausgang wir in den kommenden Jahren live und hoffentlich auch in Farbe verfolgen können.
Britischer Galgenhumor
Zum Abschluss noch eine inspirierende Geschichte: nämlich die des ehemaligen britischen Unterhausabgeordneten Craig Mackinlay, dem nach einer plötzlichen Sepsis alle vier Gliedmaßen amputiert wurden. Für seine Rückkehr ins Parlament am 22 Mai 2024, bei dem ihn die anderen Abgeordneten mit höchst seltenen und eigentlich nicht wirklich erlaubten stehenden Ovationen begrüßten, verlieh ihm der Spectator nun die Auszeichnung „Moment of the Year“.
Mackinley, der mittlerweile als Lord Mackinlay of Richborough im Oberhaus sitzt, bedankte sich und scherzte: „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich meine besten Beine angelegt.“ Er berichtete auch von dem Moment, als man ihm mitteilte, dass ihn nur eine vierfache Amputation retten könne. Demnach habe der Arzt hinzugefügt: „Die gute Nachricht ist, dass Ihr Zimmernachbar zehn Pfund für Ihre Schuhe geboten hat.“

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