Der portugiesische Titel des vorangegangenen Beitrags (danke DeppL) ist, ich gebe es zu, nicht von Fernando Pessoa, sondern von einer Collage des amerikanischen Künstlers Peter Beard inspiriert.
Sie heißt „I’ll write whenever I can“ und zeigt Beard beim Tagebuchschreiben am Ufer des Turkanasees im Norden Kenias.
Das Pikante: Der auf dem Bauch liegende Beard steckt zur Hälfte im Schlund eines offenbar gerade erlegten Krokodils.
Ich fand ich das – heute natürlich politisch vollkommen unkorrekte – Bild immer sehr ansprechend. Damit bin ich offenbar nicht allein, denn Versionen davon erzielen auf Auktionen immer wieder fünfstellige Beträge.
Nicht dass der 2020 verstorbene Beard es jemals nötig gehabt hätte, viel Geld mit seiner Kunst zu machen: Er war das, was man einen Trustafarian nennt, und verbrachte einen Großteil mit der Erkundung und fotografischen Dokumentation seiner Wahlheimat Kenia – und mit dem Schreiben und Gestalten eines Journals, aus dem auch zahlreiche seiner ausgestellten und verkauften Arbeiten stammen.
Beard war Zeit seines Lebens auf der Suche nach einem Kenia, das schon bei seiner ersten Reise nach Ostafrika in den 1960er Jahren eigentlich nicht mehr existierte: ein wildes, weitgehend unerschlossenes, atemberaubend weites Land mit Unmengen von Tieren und ebenso pittoresken wie edlen Ureinwohnern.
Jeder, der wie ich in letzter Zeit Kenia bereist hat, weiß, dass dieser Mythos heute nur noch für die Safari-Touristen aufrecht erhalten wird.
Rund um die Wildschutzgebiete, die gelegentlich noch einen fernen Eindruck dieser Wildnis und Weite vermitteln, wächst Kenia, verändert und „entwickelt“ sich, sucht seinen Weg in einer Welt, die – bewusst oder unbewusst – genau das beseitigt und zerstört, was Beard in seiner Kolonialromantik wenigstens im Bild festzuhalten versuchte.
Dass sich der „Fortschritt“ nicht aufhalten lässt, war Beard dabei durchaus klar. Schon in seinem Buch „The End of the Game“, in dem er unter anderem das dürrebedingte Massensterben der in zu kleinen Nationalparks eingepferchten kenianischen Elefanten dokumentierte, wies er wiederholt darauf hin.

Natürlich gibt es viele vernünftige und durchaus stichhaltige Argumente gegen die kolonial romantisierende Sicht auf die afrikanische Wildnis, die sich in Beards Arbeiten zu manifestieren scheint.
Da ist zum einen die Liebe zum Menschen, dessen Überleben und materielles Wohlergehen für viele jederzeit und überall Vorrang vor dem Erhalt von Naturlandschaften und Tierwelt haben sollte. Man nennt das, wie gesagt, „Entwicklung“, und es passiert heute in Afrika genauso wie es zuvor in Europa, Asien und Amerika passierte.
Ein weiterer „fair point“: Es waren die Kolonialmächte, die damit begannen, die afrikanische Landschaft zu verändern, Tiere en masse abzuschlachten und überhaupt erst den Anspruch formulierten, Afrika zu entwickeln (eine Behauptung, der nicht viele Taten folgten).
Und dann gibt es noch andere, die behaupten, dass weite Teile Afrikas südlich der Sahara vor dem Kolonialismus keineswegs unberührte Wildnis waren, wie die Kolonialherren behaupteten, sondern im Gegenteil eine, wenn auch nicht im europäischen Sinne, durchaus kultivierte und vom Menschen bis zu einem gewissen Grad auch durch extensive Land- und Weidewirtschaft kontrollierte Umwelt.
Als Beweis werden die Berichte früher europäischer Reisender und „Entdecker“ zitiert, die Jahrzehnte später verödete Landstriche als relativ kultiviert und dicht besiedelt beschrieben.
Erst die großen Viehseuchen und die damit einhergehenden Hungersnöte des ausgehenden 19. Jahrhunderts, sicherlich auch der arabische Sklavenhandel, führten dazu, dass viele ehemalige Siedlungs- und Nutzungsgebiete von den Menschen aufgegeben und zu der vermeintlichen Wildnis wurden, als die sie die Kolonisatoren dann wahrnahmen.
Statt diesen Prozess rückgängig zu machen und frühere Siedlungsräume wiederzuerobern, verstärkten die Kolonialregierungen den Trend, indem sie die Bewohner ihrer Territorien in permanenten Ansiedlungen, Dörfern, Reservaten konzentrierten (weil sie dort besser zu kontrollieren und zu besteuern waren).
Darüber hinaus wurden Wildnisse konserviert bzw. erst zu solchen gemacht, indem Menschen aus bestimmten Gebieten vertrieben wurden. Das berüchtigtste Beispiel ist das Selous Game Reserve im heutigen Tansania, das im Zuge des Maji Maji-Aufstands gegen die deutschen Kolonialherren durch eine Politik der verbrannten Erde buchstäblich entvölkert wurde.
Schlussendlich kommt noch der Class Aspect ins Spiel: Nur die auf Kosten der Afrikaner privilegierten Europäer in den Kolonien konnten die Weite und Ursprünglichkeit der alten und neuen Wildnisse genießen, Menschen wie Karen Blixen, mit der Beard zum Ende ihres Lebens eine Freundschaft verband.
Diese und andere Einwände gegen Beards Obsession mit dem alten Afrika sind vollkommen legitim, viele Argumente stichhaltig. Man kann und sollte die Augen nicht vor der historischen und zeitgenössischen Realität verschließen.
Und doch, immer wenn ich mir „I’ll write whenever I can“ wieder anschaue, verspüre ich etwas, dessen ich mich fast schäme: Sehnsucht.
(Bild oben: Peter Beard, I’ll Write Whenever I Can, Koobi Fora, Lake Rudolf, Kenya, 1965, Gelatin silver print with ink and paint, executed later, Quelle: artsy)

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