Der Londoner Bus Nr. 507 fährt nach Waterloo. Das behauptet jedenfalls die Anzeige und die Ansagestimme im Bus. Gemeint ist natürlich der Bahnhof Waterloo, doch immer wenn ich in den Bus steige, verspüre ich große Lust, tatsächlich in das kleine belgische Dorf zu fahren, in dem vor fast 200 Jahren Weltgeschichte geschrieben wurde.
In meiner Kindheit las ich gerne in den „Illustrierten Historischen Heften“, die man in der DDR hin und wieder kaufen konnte. Eines dieser Hefte erzählte die Geschichte der Schlacht bei Waterloo, die das letzte Pokerspiel des großen Hasardeurs Napoleon Bonaparte beendete.
Dass die Engländer einen der Londoner Hauptbahnhöfe nach der Schlacht benannten, ist nicht verwunderlich, denn für England war die Niederlage Napoleons gegen die Koalitionstruppen unter Wellington und Blücher von immenser Bedeutung. Nachdem die Gefahr einer dauerhaften französischen Hegemonie auf dem Kontinent gebannt war, konnte man sich in aller Ruhe auf die industrielle Revolution, die Profitakkumulation und den Ausbau des Weltreichs konzentrieren.
Noch heute ist man stolz auf diesen Sieg und nicht wenige Briten schmunzeln schadenfreudig bei dem Gedanken, dass die mit dem Eurostar aus Paris einreisenden Franzosen bis 2007 ausgerechnet in dem Bahnhof aussteigen mussten, der nach ihrer bittersten Niederlage gegen die lange verhassten und auch heute wenig geliebten Engländer benannt ist.
Für die Engländer ist der Herzog von Wellington neben Admiral Nelson der größte Kriegsheld ihrer Geschichte und man geht ganz selbstverständlich davon aus, dass er es war, der die Schlacht gewann. Wann immer man dies beiläufig erwähnt, ob bei Dinner Partys oder in den Medien, versetzt es mir einen Stich, denn in meinem illustrierten Heft lernte ich, dass Wellington die Schlacht verloren hätte, wenn ihn die Preußen nicht in letzter Minute „herausgehauen“ hätten.
Jeder in Deutschland kennt Wellingtons wenig siegesgewissen Ausspruch: „Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen.“ Es ist nicht sicher, ob er das tatsächlich so gesagt hat und es besteht immerhin die Möglichkeit, dass ich damals unserer nationalistischen Geschichtsschreibung ebenso aufgesessen bin, wie die Engländer der ihren, doch es ist unumstritten, dass Wellington in immense Schwierigkeiten geraten wäre, wenn die Preußen nicht in die Schlacht eingegriffen hätten. Auch die Tatsache, dass kaum die Hälfte seiner Truppen aus Engländern bzw. Schotten bestand, während Hannoveraner, Braunschweiger und andere Deutsche einen wesentlichen Anteil ausmachten, kann nicht bezweifelt werden.
Das passt natürlich nicht gut in einen nationalen Mythos. Vielleicht musste der Beitrag der Deutschen, gegen die man ja hundert Jahre später im Ersten Weltkrieg zu Felde zog, heruntergespielt werden, ebenso wie das englische Königshaus sich damals seines deutschen Namens entledigte und nach einem alten Gemäuer benannte.
Ich nehme an, dass ein Mann wie Wellington, dessen Ego sicherlich nicht kleiner war als das seines Widersachers und den die Schlacht zu einem reichen Mann machte, nicht eine Minute daran zweifelte, dass er sie ganz allein gewonnen hatte.
Man kann wohl auch davon ausgehen, dass es Napoleon am Ende egal war, wer genau ihn besiegt hatte. Vielleicht schob er die ganze Schuld auf die traurige historische Gestalt des Marschalls Grouchy, der mit einem beträchtlichen Teil der französischen Truppen die Preußen aufhalten sollte und dabei jämmerlich versagte. Stefan Zweig hat ihm in seinen „Sternstunden der Menschheit“ ein Denkmal gesetzt.
Am Ende gibt es vielleicht nur eine Wahrheit, an der es nichts zu deuten gibt: Die Schlacht bei Waterloo war mit Sicherheit ein ganz fürchterliches Gemetzel.

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