Imperium und Delirium II

Zeitsprung. 30 Jahre. Berlin 1994. Die russischen Truppen ziehen aus Deutschland ab. Jelzin soll dabei sein. Ein Bekannter steht damals in der Ehrenkompanie am Flughafen stramm. Wartet. Und wartet. Jelzin kommt nicht. Kameraden kippen um, werden durch andere ersetzt. Jelzin kommt noch immer nicht. Irgendwann torkelt er die Gangway herunter. Der Präsident des einstigen Imperiums am Rande des Deliriums. In innerer und äußerer Auflösung. Wie Russland selbst.

In den folgenden Tagen säuft er sich durch den Staatsbesuch. Trägt sich ins goldene Buch der Stadt ein, noch bevor der Regierende Bürgermeister das Stichwort gibt. Singt debil grinsend Kalinka und dirigiert bärenhaft tapsig das Polizeiorchester. Ist sauer, dass die Westmächte sich der gemeinsamen Abschiedsparade verweigert haben.

Die Russen erhalten 12 Milliarden D-Mark, damit sie zurück in ihr bröckelndes Riesenreich gehen. Davon sollen Wohnungen für die Helden gebaut werden. Wie viele es am Ende sind, weiß niemand. Auch nicht, wie viel von den 12 Milliarden in finsteren Kanälen versickert, und wie viele Heimkehrer sich in ein frühes Grab trinken. Die Lebenserwartung russischer Männer ist 1994 mit 64 Jahren auf einem Tiefpunkt.

Derweil schlägt die Hamburger Bankierstochter Birgit Breuel im ehemaligen Reichsluftfahrtministerium den letzten Nagel in den Sarg, in dem die produktiv rückständige und zum Teil marode Wirtschaft des einstigen imperialem Satellitenstaates zu Grabe getragen wurde. In vier Jahren gehen 80 % der Arbeitsplätze flöten. Es ist die schnellste Deindustrialisierung der Nachkriegsgeschichte.

Aseptische Bezeichnung für das Betriebssterben: Privatisierung im Rahmen des Strukturwandels oder, noch lustiger, „Aufbau Ost“. Umdeutung der DDR-Losung „Mein Arbeitsplatz, mein Kampfplatz für den Frieden“ in „Meine Arbeitslosigkeit, mein Beitrag zum Aufbau Ost“. Auch bei den ebenfalls mit Geld ruhig gestellten Opfern gibt es wohl jede Menge Delirien.

Derweil tanzen hauptsächlich westdeutsche Raver durch die Stadt. Nicht nur der russische Präsident, auch das Leben war 1994 besoffen.

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