Day by Day

Vor kurzem wohnte ich im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit einem Interview mit einer argentinischen Unternehmerin bei. Eine Frage bezog sich auf die Zukunftsplanung ihrer Landsleute.

Daraufhin lachte sie ein wenig. Eine wirkliche Zukunftsplanung, das sei in Argentinien ausgesprochen selten. Das Land ist in den letzten Jahrzehnten durch so viele Krisen gegangen, dass seine Bewohner es verlernt haben, große Pläne zu machen. Sie leben von einem Tag auf den anderen. Denn eine Woche später kann schon wieder alles anders sein. Warum also groß planen?

Unplanbarkeit und Unberechenbarkeit als Lebensrealität akzeptieren: Das widerspricht so ziemlich allem, wofür meine Landsleute stehen. Hier stehen das Sparen, Planen und Absichern gegen alle möglichen und unmöglichen Eventualitäten hoch im Kurs.

Die Frage ist nur: Sind wir den Argentiniern oder die Argentinier uns voraus? Haben sie vielleicht etwas gelernt, das ihnen in Zukunft einen „Wettbewerbsvorteil“ verschaffen wird?

Die Interviewte machte jedenfalls keinen niedergeschlagenen oder resignierten Eindruck. Im Gegenteil, sie wirkte um vieles wacher und lebendiger als zum Beispiel die Mitarbeiter des von Umsatzeinbrüchen gebeutelten Großkonzerns Volkswagen, die in derselben Woche nicht nur gegen geplante Sparmaßnahmen demonstrierten, sondern obendrein noch eine zehnjährige Jobgarantie und wesentlich mehr Lohn forderten.

Ein VWler erzählte vor laufender Kamera, dass er seine Zukunftspläne durch mögliche betriebsbedingte Kündigungen gefährdet sehe. Er habe sich erst kürzlich ein Haus gekauft und dafür einen Kredit aufgenommen.

Die Sehnsucht nach mittel- oder langfristiger Planbarkeit ist noch immer tief in die bundesdeutsche Seele eingeschrieben. Die Beschwörung von Stabilität und Wohlstand(-serhalt) bestimmen auch den politischen Diskurs. Dem steht die Krise der deutschen Industrie gegenüber, die im internationalen Wettbewerb (früher nannte man das kapitalistischen Konkurrenzkampf) zusehends das Nachsehen hat. Oder zumindest nicht mehr die Traumdividenden einfährt, an die sie sich lange gewöhnt hatte. Stehen wir also am Anfang des endgültigen Niedergangs der deutschen Industrie? Müssen wir uns alle auf die Unplanbarkeit unserer Zukunft einstellen?

Immerhin: zumindest ein Teil der Deutschen weiß, was es heißt, über Nacht Opfer eines sogenannten „Strukturwandels“ zu werden: die Ostdeutschen der Boomer-Generation. In den Neunzigerjahren kollabierte die DDR-Industrie, die sich plötzlich der ungeschützten Konkurrenz der weit überlegenen BRD-Wirtschaft ausgesetzt sah. Hunderttausende verloren ihre Arbeitsplätze und mussten sich beruflich vollkommen neu orientieren. Sie lernten, was es heißt, nicht im Voraus planen zu können. In den nächsten Jahren könnte auch ihren Landsleuten im Westen eine ähnliche Erfahrung bevorstehen.

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