Kriegsspiele und der Plan C

Mit dem Plan C wird es wohl nichts. Selbst bei der Fremdenlegion nehmen sie längst nicht mehr jeden. Wie Christian Koller in der NZZ am Sonntag ausführt, hat die Truppe zehnmal mehr Bewerber als Planstellen. Der Bewerbungsprozess dauert mehrere Wochen, die meisten schaffen es nicht.

Längst vorbei also die Zeiten, als die Legion ihre Reihen mit Sträflingen, Kriminellen und sonstigem Abschaum auffüllte, als weltfremde und abenteuerlustige Jugendliche wie Ernst Jünger mit achtzehn Jahren dort einrücken und frühere SS-Männer in Indochina für die Grande Nation verbluten durften.

Die Legion stellt keine Fragen – das war einmal. Heute stellt sie, wie jeder potentielle Arbeitgeber, eher zu viele als zu wenige. Und das obwohl der Dienst noch immer nicht sonderlich glamourös ist. Der stärkste Pull-Faktor ist wohl die Aussicht auf die französische Staatsbürgerschaft nach Ende der Dienstzeit.

Deshalb ist das Modell Wehrdienst gegen Einbürgerung wohl auch für andere NATO-Länder zunehmend attraktiv. Wie Koller schreibt, gehen die USA dabei voran; Spanien, Belgien, Luxemburg, Dänemark, die Slowakei und Kanada haben ebenfalls derartige Programme. Sogar die Bundeswehr denkt darüber nach, ihr Personalproblem durch die Rekrutierung von Ausländern zu lösen.

Man fühlt sich in die Zeiten des römischen Imperiums zurückversetzt, als die Bürgerheere der Republik allmählich durch Söldnerlegionen (Namensübereinstimmung rein zufällig:-) ersetzt wurden, deren Soldaten nicht nur auf Land und Beute, sondern auch auf das römische Bürgerrecht hofften.

Der mit dem Ende des Kalten Krieges in vielen westlichen Staaten erfolgte Übergang von großen Wehrpflichtigenarmeen zu kleineren professionellen Söldnerheeren hat viele Gründe und Ursachen: eine für mehrere Jahrzehnte nicht mehr vorhandene konkrete Bedrohung durch einen hoch gerüsteten rivalisierenden Machtblock, neoliberale Sparpolitik, die zunehmende Technisierung des Krieges, aber auch das Bedürfnis nach einer Streitmacht, die bereitwillig andere „Aufgaben“ als die bloße Landesverteidigung wahrzunehmen bereit ist, deren Soldaten also nicht fragen, was die Bundeswehr eigentlich am Hindukusch verloren hat.

Doch nach dem offiziellen russischen Angriff auf die Ukraine hat der deutsche Bundeskanzler eine „Zeitenwende“ verkündet. Der russische Bär ist aus dem Winterschlaf erwacht, deshalb greift man auf Bedrohungsnarrative aus dem Kalten Krieg zurück, um einer möglichen geostrategischen Neuordnung der Welt zu begegnen. Aber die verfangen nur bedingt. Die wohlstandsverweichlichte Jugend des Westens ist nicht mehr bereit, ihren Kopf hinzuhalten.

Es ist also wohl auch in der BRD nur eine Frage der Zeit, bis auf die Söldnerisierung die Fremdenlegionisierung der Armee folgt (Nur die AfD schert auch in diesem Punkt einmal mehr aus und fordert die Wiedereinführung der offiziell nie abgeschafften Wehrpflicht). Die Folgen sind schwer abzusehen.

Christian Kollers Artikel bescherte mir übrigens die Kommunikationsblase des Tages. Wie es dort heißt, übte die Legion im vergangenen Winter „im Baltikum zusammen mit estnischen und britischen Truppen mehrere Monate lang die Interoperabilität im Nato-Verteidigungsdispositiv für Nordosteuropa“. Unglamouröser kann man Kriegsspiele nicht beschreiben. Und das ist vielleicht auch gut so.

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