Kürzlich stolperte ich über eine der wohl merkwürdigsten Staatsgründungen der jüngeren Geschichte.
1971 ließ der US-Tycoon Michael Oliver Unmengen von australischem Sand auf das abgelegene Minerva-Riff in der Südsee schütten, um den natürlichen Entstehungsprozess eines Insel-Atolls zu beschleunigen. Im Januar 1972 wurde auf dem dabei entstandenen Fetzen Land die „Freie und Unabhängige Republik Minerva“ ausgerufen, ein Zwergstaat mit eigenem Präsidenten, eigener Flagge und eigener Währung.
Leider war das Riff für pazifische Verhältnisse nicht abgelegen genug. Der 500 km entfernte Inselstaat Tonga lehnte die Proklamation ab und beanspruchte das Minerva-Riff für sich. Eine aus Sträflingen bestehende tonganische Invasionsarmee machte dem Experiment im Juni 1972 ein Ende. Später meldete auch Fidschi Ansprüche auf Minerva an, seitdem ist das Atoll ein, wie es im Englischen so schön heißt, „disputed territory“.
Zehn Jahre später gab es einen weiteren Versuch, das Atoll zu besetzen und die Republik Minerva noch einmal zu begründen. Treibende Kraft war der erste und wohl auch letzte „Präsident“ Minervas, Morris C „Bud“ Davis. Auch dieser Versuch wurde von Tonga vereitelt.
Die Republik Minerva war eines von vielen absurden Experimenten libertärer, meist US-amerikanischer Aktivisten, die den interventionistischen (Sozial-)staat der Nachkriegszeit ablehnten und sich ihm durch die die Gründung eigener mehr oder weniger lächerlicher staatlicher Gebilde oder autarker Kommunen zu entziehen suchten.
Lächerlich oder nicht: Wie so viele andere US-Trends finden auch die Ideen libertärer, identitärer und anderer Spinner früher oder später ihren Weg nach Europa, wie die Reichsbürger*innen-Bewegung (kleiner Scherz) zeigt.
Der Autor des Textes, in dem ich über die Republik Minerva stolperte, der in der DDR recht bekannte Sachbuchautor Herbert Scurla, benennt übrigens recht deutlich, worum es damals wohl hauptsächlich ging:
„Der einzige Zweck dieser „Staats“gründung ist es, nach dem Vorbilde des mitteleuropäischen Fürstentums Liechtenstein in der Südsee eine Oase für großkapitalistische Steuerhinterziehung zu schaffen.“
Ein recht plumper Versuch, wie man hinzufügen muss. Es gibt wesentlich elegantere und diskretere Wege zur „Steueroptimierung“.
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