Es gibt nicht viele Gemeinplätze, wenn es ums (literarische) Schreiben geht. Aber eine Binsenweisheit habe ich nun schon von vielen Profis gehört: Gib deinem Unterbewusstsein genug Raum und Zeit zum Arbeiten. Mit anderen Worten: Gute Literatur ist nicht nur eine Sache des Fleißes. Die wirklich genialen Einfälle kommen nicht auf Bestellung, sondern oft dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Zum Beispiel in der Straßenbahn, im Bett, in der Kneipe oder – nun ja – auf dem Lokus.
Eine extreme Variante dieser goldenen Regel begegnete mir neulich in einem Interview mit Shelby Foote, der vor allem als Chronist des amerikanischen Bürgerkrieges und des Grand Old South bekannt war und ist. Foote ging darin so weit, Autoren zu empfehlen, gar keine detaillierten Aufzeichnungen zu machen. Diese würden der Fantasie schon vorab ein Korsett anlegen, Erfahrungen und Gelerntes gleichsam in einer durch die ersten Notizen vorgegebenen und naturgemäß beschränkten Form „einfrieren“.
Stattdessen solle man das Material im Hinterkopf nur ganz lose einsortieren, damit es dort fermentieren könne. Im Prozess des Schreibens wäre man dann hoffentlich überrascht und fasziniert, was das Unterbewusstsein Wunderbares und Erstaunliches daraus gemacht hätte. Viele Autoren würden dem wohl widersprechen, nicht wenige Klassiker nutzten Briefe (Rielke) oder Tagebücher (Kafka) als Steinbruch für ihre Lyrik oder Prosa.
Und doch ist an der Sache mit dem Unterbewussten etwas dran. Jeder, der kreativ schreibt, weiß das. Ich selbst bin mitunter ein recht akribischer Notierer. Die Aufzeichnungen für mein nächstes Projekt, ein Ägyptologie-Thriller, sind kaum noch überschaubar. Also beschloss ich vor einer Woche erst einmal gar nichts mehr zu notieren, mein Unterbewusstsein sozusagen machen zu lassen.
Die Folge: Ein verstörender Traum in der vergangenen Nacht, in dem ich zusammen mit einigen anderen in einem riesigen ägyptischen Grab eingeschlossen wurde. Als ich zum noch immer ein wenig geöffneten Ausgang hastete, warfen sich mir meine Leidensgenossinnen und -genossen in den Weg, verbarrikadierten sozusagen den Fluchtweg. Dabei verfielen sie vor meinen Augen. Schlimmer noch, der mittels eines ausgeklügelten hydraulischen Systems zum Verschließen der Grabanlage genutzte Sand rieselte aus ihren Mündern, Ohren und schließlich sogar aus den leeren Augenhöhlen.
Es dauerte eine halbe Stunde, bis ich nach dem schreckartigen Erwachen die Schnappatmung abgestellt hatte und wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Nüchtern stellte ich fest, dass die Idee mit dem Sand aus dem Howard-Hawks-Klassiker „Land of the Pharaos“ (1955) stammte. Die Körperöffnungsidee war meine eigene Erfindung.
Wie es aussieht, bleiben mir nur zwei Optionen: statt des Thrillers einen Horrorroman zu schreiben oder mir wieder Notizen zu machen. Das Drehbuch zu „Land of the Pharaos“ schrieb übrigens William Faulkner. Keine Ahnung, ob er dabei schlecht träumte.
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